Noemi Adam-Graf

Zur regionalen Markierung des Alemannischen der rätoromanischen Bevölkerung am Beispiel des Vibranten /r/

Thesen

  • Durch das Vorkommen von regionalen sprachlichen Merkmalen – in diesem Fall durch die Artikulation des Vibranten r – kann die Herkunft von Sprecherinnen und Sprechern identifiziert werden, bzw. die Hörerinnen und Hörer glauben, deren Herkunft dadurch bestimmen zu können.
  • Der Vibrant, wie er im Alemannischen der rätoromanischen Bevölkerung gesprochen wird (uvulare Variante), wird im Laiendiskurs erwähnt und ist deshalb ein salientes sprachliches Merkmal mit Potential zum Stereotypen.
  • Da die unterschiedlichen Realisierungen des Konsonanten schwer fassbar sind, wird das Merkmal im Diskurs sprachlich umschrieben.

 

Der Beitrag greift ein regionales sprachliches Merkmal, das im bündnerischen Sprachraum vorkommt, auf – die Artikulation des Vibranten r – und geht der Frage nach, ob dieses im Laiendiskurs als auffällig beschrieben wird. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass einige Sprecherinnen und Sprecher aus Disentis und Trun den Vibranten uvular bzw. teilweise kaum hörbar oder ganz verstummt sprechen. Gesamtschweizerisch lässt sich feststellen, dass diese Variante nicht der Norm entspricht und im Hörerurteil bewertet werden könnte (vgl. Werlen 1980).

Aufgrund dieser Beobachtungen wurde das Datenmaterial von zwei laienlinguistischen Studien – d.h. es steht im Zentrum, was nicht linguistisch ausgebildete Personen über Sprache denken – nach empirischen Belegen durchsucht, die sich auf die Artikulation des Vibranten beziehen: Wird das Merkmal tatsächlich als auffällig wahrgenommen, sowohl nach Anhören eines auditiven Stimulus als auch bei Betrachtung eines visuellen Stimulus? Und, wenn ja, was kommunizieren die Informanten und Informantinnen aus Chur und dem Churer Rheintal zu diesem sprachlichen Merkmal? Auf welche Art wird das Merkmal beschrieben und wird es auch sozial oder affektiv bewertet?

Nach einleitenden Bemerkungen zur Verknüpfung von Sprache und Raum (1) bietet der Artikel zuerst einen kurzen theoretischen Einblick in die Konzepte der Laienlinguistik (2) sowie einen knappen Forschungsüberblick zum r im Schweizerdeutschen und in Graubünden. Im darauffolgenden Kapitel (4) werden das Untersuchungsgebiet und die Methoden beschrieben, danach werden die Ergebnisse präsentiert (5). Das letzte Kapitel vergleicht die Ergebnisse der beiden Studien und zieht ein Resümee (6).