Romedi Arquint

Das Märchen von der Mehrsprachigkeit

Setzen wir uns zur Einstimmung neben eine ältere Frau auf die Bank vor ihrem Haus in Bever. Kinder hängen gebannt an ihren Lippen, denn es geht um den Gian aus dem Nachbarort La Punt. Die Märchen der Nann‘Engel werden später von einem in Bern arbeitenden Journalisten aufgeschrieben, kongenial illustriert von Augusto Giacometti, und sind heute ein Schatz der ladinischen Literatur- und Kulturgeschichte. Nann’Engel können wir uns als Soapopera-Erzählerin aus der Zeit vor dem Radio und Fernsehen vorstellen. Das Hochtal kann nicht alle seine Bewohner und Bewohnerinnen ernähren, die Märchen machen den jungen Auswanderern Mut und sind – da die Jungen ihr Glück finden und wie Tredeschindie französische Königstochter heiraten werden – ein Trost für die Mütter, die sich Sorgen um sie machen. Begleitet von den drei Hunden, kommt Gian nach einer beschwerlichen Reise in Firenze an. Die Stadt wird von einem grauenhaften Drachen geplagt. Dieser hält die Prinzessin – nennen wir sie la principessa plurilingua – im Schloss gefangen. Der verzweifelte König verspricht die Prinzessin demjenigen, der den siebenköpfigen Drachen, der im Schloss haust, besiegen kann.

Gian fasst sich ein Herz und geht ins Schloss, begleitet von seinen drei Hunden Stira-sdratsch, S-charpa-sdratsch e S-charpa-fier. Um Mitternacht rollt der Drache mit Getöse durch den burel, die Falltüre, in die Stube hinunter. Selbstverständlich gelingt es Gian mit seinen drei Hunden, den Drachen zu töten. Gian bekommt die Prinzessin, und das Märchen endet wie viele andere mit dem Hochzeitsfest. „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“, meint auch die ledig gebliebene Märchenerzählerin aus Bever.

 Dem Drachen war es also gelungen, der Prinzessin den Zugang zur Mehrsprachigkeit zu versperren. Die principessa plurilingua wird erlöst, das Ungeheuer der Einsprachigkeit, il dragone monolingue ist tot. Das Arsenal zur Verteidigung der Einsprachigkeit lässt sich sehen. Einige der Köpfe, die der Mehrsprachigkeit den Kampf ansagen, sollen hier stichwortartig aufgeführt werden. Unser Gian gibt seinen Kommentar dazu:

 

Der eine Kopf ist das Territorium. Der Staat definiert die eine Sprache, die auf einem klar begrenzten, wenn nötig auch mit Waffengewalt verteidigten Gebiet, sei es ein Staat oder auch Kantone, gelten soll. Das Territorialitätsprinzip begründet die Sprache/die Sprachen, die im Staat herrschen, gewährt diesen Privilegien, schliesst andere aus. Es beginnt die Zeit der sprachlich-kulturellen Monokulturen, die einen weitgehend unpolitischen, freien Umgang der Sprachen in Europa ablöst. Die Sprachen werden zu Nationalsprachen und gelangen in eine territoriale Geiselhaft. 

 

Vorbemerkung 1 betrifft Graubünden: Was in Europa die Regel ist, ist in Graubünden um einiges komplizierter. In den abgelegenen Bergtälern hat sich die Sprache zu einer Angelegenheit der Gemeinde entwickelt. Die Walser besiedelten ursprünglich unbewohnte Gebiete, wagten sich immer mehr ins Tal hinunter, und so wurde etwa das Prättigau deutsch. Das bis zum Stadtbrand 1464 romanische Chur wurde aufgrund der Zuwanderung aus dem süddeutschen Gebiet deutsch. Die Erosion des romanischen Gebietes erhielt im 20. Jahrhundert einen neuen, die Existenz gefährdenden Schub. Romanische Gemeinden wurden deutschsprachig, zum Teil weil der Gemeindekanzlist des Romanischen unkundig war oder man einen deutschsprachigen Lehrer anstellen musste. Über 50 Gemeinden wurden in der Folge deutschsprachig. Um 1980 erlitt der Versuch, Graubünden in Sprachgebiete einzuteilen, um so das Romanische besser zu schützen, kläglich Schiffbruch, und es dauerte weitere 30 Jahre, bis ein Bündner Sprachengesetz angenommen wurde. Eine Anmerkung dazu: 18 Gemeinden, die gemäss dem neuen Gesetz die romanische Sprache in minimaler Form zu pflegen verpflichtet worden wären, wurden aus dieser Verpflichtung entlassen. Fundament der Schweizer Sprachenpolitik ist das Territorialitätsprinzip, das von den Kantonen wahrgenommen wird, so auch mit dem neuen Sprachengesetz in Graubünden. Bei einer traditionell romanischen Gemeinde fällt jegliche amtliche Verpflichtung zur Förderung der romanischen Sprache weg, wenn die romanische Bevölkerung unter 10% fällt. Das Territorialitätsprinzip gewährt damit bedrohten Sprachen wie dem Rätoromanischen einen gewissen zusätzlichen Schutz, kann letztlich jedoch dessen Niedergang auch nicht verhindern. Es droht, die romanische Sprache in einer Art „Park der letzten Mohikaner“ überleben zu lassen.

 

Vorbemerkung 2 betrifft das Verhältnis Bund und Kantone: Auf Bundesebene ergibt sich eine etwas merkwürdige und europaweit einzigartige Situation. Für den Bund sind die Landessprachen grundsätzlich gleichgestellt und dienen einer ausreichenden Kommunikation mit der Bürgerschaft. Alle Landessprachen werden gepflegt, man achtet darauf, Deutsch und Französisch auszubalancieren (obwohl die Romands der Statistik nach als „Minderheit“ gelten müssten), Subventionsgelder fliessen in die Kantone Graubünden und Tessin. Der Bund berücksichtigt bei seiner Kulturförderung die Sprachgebiete in angemessener Weise, er unterstützt das Institut für Mehrsprachigkeit und den Jugendaustausch. Die ständige Unzufriedenheit beleuchtet diesen Spagat am besten. In der Bundesverwaltung wird mit Sperberaugen auf eine angemessene Berücksichtigung der Sprachen bei der Personaleinstellung und bei den Leitungsfunktionen gepocht, die Kantone ihrerseits wachen darüber, dass der Bund sich nicht in die kantonseigenen Kompetenzen im Sprach- und Bildungsbereich einmische.    

Die Kantone haben sich die Ideologie der Nationalstaaten zu eigen gemacht. Was machen die Kantone: Sie geben der territorial eingegrenzten und mit symbolischen Identitätsmerkmalen aufgeladenen Erstsprache eine exklusive Stellung. Die Leistungen für die Verständigung und Begegnung über die Sprachgrenzen hinweg sind mehr als dürftig. Die Kantone meinen, ihre Pflicht mit dem Schulunterricht erfüllt zu haben. Sie bangen um ihre Identität, betonen und untergraben so die Lust auf die Begegnung mit den Nachbarsprachen, sehen darin keine Bereicherung, sondern Gefahren. Doch bei beiden gilt: die Förderung der Mehrsprachigkeit ist eine Pflicht und keine Kür.

 

Vom Territorialitätsprinzip zur Sprachenfreiheit 

 

Gemäss dem Spruch, wonach klare Grenzen eine gute Nachbarschaft garantieren, gilt auch das Territorialitätsprinzip als heilige Kuh. Das Territorialitätsprinzip ist eine Erfindung der Nationalstaatsideologie und diente zweierlei Zwecken. Es ging um den Aufbau des Rechtsstaates, der, um ein kollektives Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln, mit einer nationalen Identität zu ergänzen war (aus Sprache, Kultur und Geschichte des Volkes). Andere Sprachen störten dieses Konzept. Der Schutz sprachlicher Minderheiten kam erst später dazu. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts steht fest: Ein sprachlich homogenes Gebiet ist die zwingende Voraussetzung für die staatliche Einheit. 

Das Territorialitätsprinzip, das historisch gesehen seine Berechtigung gehabt haben mag, stellt sich heute als ein Hindernis zur Umsetzung einer gelebten Mehrsprachigkeit heraus. 

Heute stehen wir vor neuen Herausforderungen, denn erstens ist unsere Gesellschaft mobil geworden, was die Sprachgebietsumschreibung schwierig macht, zweitens wird die Förderung der Erstsprache als wichtiges Element der Persönlichkeitsbildung für alle Kinder eingefordert und drittens verliert eine irgendwie geartete nationale und auch regionale Identität ihre primäre Bindungskraft an die Sprache. In der totalrevidierten Bundesverfassung (1999) ist denn auch erstmals die Sprachenfreiheit als Grundrecht des Menschen festgeschrieben. Dem Territorialitätsprinzip erwächst Konkurrenz. Für Charles Taylor [1] sind Anerkennung und Identität Merkmale der Modernität. Nichtanerkennung (Diskriminierung, Minderheitsbewusstsein) führt oft zu destruktiver Identität. Das kollektive und starre Gemeinschaftsgefühl wird durch eine „individualisierte Identität“ abgelöst. Dies hat Folgen für die öffentliche Sphäre: Aus der Würde aller Menschen ergibt sich die Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung: Jeder Mensch soll um seiner unverwechselbaren Identität willen anerkannt werden. Dies gilt gerade in Hinsicht auf die Besonderheit; die Assimilation ist die Todsünde gegen das Ideal der Authentizität. Ein liberaler Staat hat, so mit den Worten von Will Kymlicka [2], die Pflicht, diesen Bedürfnissen, zu denen die Sprache ihrer Bewohnenden in besonderer Weise gehört, in angemessener Form nachzukommen. 

An dieser Stelle gilt es festzuhalten, dass die bisherige enge Auslegung des „wie im öffentlichen Verkehr“, die sich weitgehend auf das private Leben beschränkt, nicht mehr genügt. Mit dem Grundrecht der Sprachenfreiheit öffnet sich das Feld moderner liberaler Politik. Es wird Sache des Bundesgerichtes sein, in möglichen zukünftigen Fällen diesem Recht zum Durchbruch zu verhelfen. Denn es bleibt dabei: Auch die schweizerische Sprachenordnung muss demnach vom „verfassungsmässigen Recht des Individuums dem Staat gegenüber aus, sich im privaten wie im öffentlichen Verkehr der von ihm gewählten Sprache zu bedienen“ [3]. Dies betrifft insbesondere auch die Bildungspolitik (s. weiter unten). 

  

Negative Auswirkungen des Territorialitätsprinzips

 

1. Dass Territorialitätsprinzipgewährt unzweifelhaft bedrohten Sprachen wie dem Rätoromanischen einen zusätzlichen Schutz, kann letztlich jedoch dessen Niedergang auch nicht verhindern, ja, kann sich sogar kontraproduktiv auswirken. Es stellt sich nämlich die Frage, ob man die Sprache erhalten will oder das Territorium, auf dem dessen Sprachträger leben. Das romanische Territorium ist längst zu einem Flickenteppich geworden ohne einen geographischen Zusammenhalt. Dazu kommt, dass in den peripheren Talschaften die Leute abwandern, alte Leute zurückbleiben, Schulen geschlossen werden, während in den touristischen Gebieten wie etwa dem Oberengadin eine massive Zuwanderung festzustellen ist. Die einheimische romanischsprachige Bevölkerung wird so zu einer Minderheit weit unter 20 %, so dass bei einem Sprachwechsel nicht einmal das Sprachengesetz herbeigezogen werden könnte. Das romanische Stammgebiet wird zu einem Nationalpark, in dem die letzten Mohikaner bewundert werden können. Das Territorialitätsprinzip wirkt sich für die rätoromanische Sprache in geradezu absurder Weise kontraproduktiv aus. Viele Rätoromanen leben ausserhalb des „Reservats“. Zürich gilt als grösste rätoromanische Gemeinde der Schweiz, das Romanische geniesst aber keinen speziellen Schutz und keine Förderung. Romanischsprachigen Kindern wird keinerlei Pflege der eigenen Sprache in der Schule angeboten, einer Sprache, die notabene eine Landessprache ist. Einer Sprache, welcher der Staat gemäss seiner Verfassung Schutz und Förderung angedeihen lassen müsste. Initiative Eltern müssen (in Zürich und Basel) für den freiwillig eingerichteten Unterricht in romanischer Sprache und Kultur weitgehend selber aufkommen. 

2. Dasselbe gilt übrigens für alle Schweizer Familien, die ausserhalb der heimischen Sprachgebiete wohnen. Ja, das Prinzip wird sogar in zweisprachigen Städten wie Freiburg/Fribourg, in Sprachgrenz-gebieten wie Murten/Morat oder in fusionierten zweisprachigen Gemeinden wie Ilanz/Glion angewendet, an Orten, wo sich ganz alltägliche Begegnungen ergeben und die Zweisprachigkeit normal sein sollte. So musste das Bundesgericht die Klage deutschsprachiger Eltern, die ihr Kind im Freiburgischen in die deutschsprachige Schule in der Nachbargemeinde schicken wollten, beurteilen. In der Begründung erörterte das Gericht ausführlich den Anspruch auf die Sprachenfreiheit, wies jedoch die Klage der Eltern ab. Gemäss der Ordnung der Gemeinde müssten sie in diesem Falle auch das Schulgeld bezahlen. Die Wahrung des Sprachfriedens allein an die Territorialität zu binden, sei problematisch: „Damit macht das Gesetz einen rückwärtsgewandten Eindruck und befasst sich nicht mit den drängenden Problemen, die sich im Rahmen der Sprachenfreiheit heute stellen“.  [4]

3. Generell und zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Territorialitätsprinzip mit seiner Fixierung auf die eine Sprache eine natürliche und informelle Begegnung der Menschen mit anderen Sprachen, deren Neugierde und Lust behindert. 

 

Dazu unser Gian: Sprachen sind zollfrei, sie kennen keine Grenzen. Norbert Furrers sprachliche Analyse der alten Eidgenossenschaft trägt den Titel „Die vierzigsprachige Schweiz[5]. Friedrich II. redete Deutsch nur mit seinen Soldaten, konversierte mit Voltaire auf Französisch. Bis Ende des 18. Jahrhunderts waren die Sprachen kein Instrument politischer Herrschaft. Die Sprache gehört zu einem Wesensmerkmal des Menschen und verdient Respekt und Förderung. Sie ist der Rucksack, den jeder Mensch mit sich trägt und der gefüllt werden muss. 

 

Der zweite Drachenkopf ist die Verbindung des Staates mit der Nation. Nation wird hergeleitet von Volk, das als Grundlage eine Sprache, Geschichte und Kultur besitzt, dieses Erbgut – oft auch Identität genannt – wird nun ebenfalls zum Staatsbesitz. Eines der wichtigsten unter den persönliche und kollektive Identität stiftenden Merkmalen ist dabei die Sprache. Über diese findet man zu sich selber, zur nachbarlichen Gemeinschaft, zur grösseren Nation und als logische Fortsetzung zum Staat mit seiner einzigartigen Geschichte, die im 19. Jahrhundert mit ungeheurer Fantasie entwickelt wurde und oft aus glorifizierten Schlachten und zurechtgestutzten invented histories besteht. Gotthelf sah beispielsweise die Schweiz als schon von Gott im Paradies vorgezeichneten Staat. War es zunächst das Territorium, so ist es nun die Seeledes Bürgers/der Bürgerin, die in Geiselhaft genommen wird.

Auch hier bildet Graubünden eine Ausnahme. Das Gefühl, in einer kollektiven nationalen Identität eingebunden zu sein, ist, wie bei allen Kantonen, schwach ausgebildet. Die Bündner Identität zu entwickeln, war – hier allerdings im Gegensatz zu den meisten Kantonen – nie an die Sprache gebunden. Man bekennt sich eher zu Graubünden, am engsten sind die emotionalen Bezüge zur Gemeinde oder Region. Das 20. Jahrhundert hat aber z.B. den ehemals selbstverständlichen und natürlichen Umgang in der Grenzregion zum Tirol unterbrochen. Man ging nicht mehr auf den Markt von Scuol nach Pfunds, der Tiroler Schuhmacher Hiesel Speckmaul ging nicht auf die Stör ins Engadin, die Engadiner Auswandererfamilien verloren zu einem guten Teil ihre Besitztümer und den Lebensunterhalt in Italien. Es blieben nur Knechte, Mägde, Hirten und Mäher aus Nordtirol, dem Vinschgau und aus Norditalien.

Eine abschliessende Bemerkung zur Sprache als Identitätsmerkmal in Graubünden: In den italienischsprachigen Tälern ist die Sprache als Identitätsmerkmal sehr wichtig, bei den Rätoromanen wichtig, während sie bei den Deutschsprachigen – wie meist bei Angehörigen einer Mehrheitssprache – eine reine Selbstverständlichkeit ist. Die eingeleiteten Massnahmen zur Förderung der Minderheitensprachen erzeugen bei ihnen hie und da den Eindruck von gehätschelten Sprachgemeinschaften, wenn diese für Anliegen einstehen, die für sie selbstverständlich sind. Wussten Sie, dass der grösste Nein-Anteil bei der Abstimmung um die Anerkennung des Romanischen als Nationalsprache 1938 aus Graubünden kam? Graubünden war übrigens auch der letzte Kanton, der – ein Vierteljahrhundert später – den Empfehlungen der kantonalen Erziehungsdirektorenkonferenz zur Einführung einer Frühfremdsprache folgte, obwohl die Verankerung der Zweitsprache ausser im deutschsprachigen Gebiet längst schon selbstverständlich war. Dies bestätigt die These, dass je grösser die Sprachmehrheit in einem Staat ist, desto weniger das Verständnis für die Mehrsprachigkeit ausgeprägt ist.

 

Daraus Gians zweite These: Toll, dass die Sprachen in Graubünden sich nicht von machthungrigen Politikern instrumentalisieren lassen können. Der Staat benützt die Sprachen als Kommunikationsmittel und nicht als ideologisches Bindemittel zur Herstellung einer kollektiven nationalen Identität. Im Gegensatz etwa zu Spanien: Wieso sollen die Katalanen nicht ein Volk sein dürfen und trotzdem oder gerade deswegen loyale Staatsbürger sein? Habermas[6]redet in diesem Zusammenhang vom Verfassungspatriotismus und stellt diesen dem nationalen Patriotismus entgegen. 

 

Im dritten Drachenkopf brodelt es: Ist Zwei- und Mehrsprachigkeitüberhaupt wünschbar? Muss nicht jeder in seiner Sprache so fest verwurzelt sein, dass diese eine Exklusivität vor andern hat? Behindert Zweisprachigkeit die Persönlichkeitsentwicklung? Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) wird nachgesagt, er habe seiner Tochter, die es nach Paris zog, ans Herz gelegt, sich von der französischen Sprache nicht prostituieren zu lassen. Im dritten Drachenkopf steht fest, die Mehrsprachigkeit sei schädlich. Als Nichtlinguist weise ich auf die zahlreichen Studien hin, die den romanischsprachigen Schulen vergleichbare Resultate in Bezug auf die Kenntnisse in Deutsch wie auch in Englisch attestieren. Man könnte auch darauf hinweisen, dass weltweit eine Mehrheit mehrsprachig ist. Ich begnüge mich mit dem Hauptargument gegen die Mehrsprachigkeit. Dazu Wandruszka: „Jede Sprache, so meint man, ist ein geprägtes und prägendes Weltbild. Der Mensch, der in mehreren Sprachen lebt, muss ständig von einem zum andern Weltbild wechseln. Er entwickelt dadurch einen zweideutigen, zweispaltigen Charakter, er leidet an einer Art Bewusstseinsspaltung, von Schizophrenie. Das sind doppelzüngige Menschen, sie reden mal so, mal so.“ Und weiter: „Wo eine solche Persönlichkeitskrise, eine solche Identitätskrise sich tatsächlich bemerkbar macht, sind da nicht viel mehr aussersprachliche Ursachen der Mehrsprachigkeit daran schuld? Die spannungsgeladenen politischen, ökonomischen, kulturellen Situationen?“ [7] Claus Gatterer erläutert dies an seiner Biografie[8]: „Ich und viele Landsleute meiner Generation haben diese Doppelzüngigkeit erfahren, wir haben uns ihr unterworfen – bis hin zur maturareifen Virtuosität; aber ihre Ursache lag nicht in der Sprache, sondern in den totalitären Umständen, in denen wir zu leben hatten. Wo es nur eineWahrheit gibt, da wird der Mensch – ob ein- oder mehrsprachig – doppelzüngig.“ Wandruszka hat recht: Der Widerstand gegen die Mehrsprachigkeit ist weniger in der Kapazität des Gehirns als in aussersprachlichen Ursachen anzusiedeln. Und da man sich mit der eigenen Identität, der tirolischen von gestern und vorgestern, nicht mehr zurechtfindet, wird alles ins Nationalistische übersteigert. Deswegen krachen die Bomben und brennen die Autos.“ (S. 31) Valentin Breitenberg, selber ein zweisprachiger Südtiroler und Direktor am Max Planck Institut hat ironisch auf den blinden Fleck dieser Logik aufmerksam gemacht: „Eine der dummen Fragen lautet: Fühlst du dich eigentlich als Deutscher oder als Italiener? Das ist ja so, als ob man wissen wollte, auf welcher Seite ich im nächsten Krieg zu schiessen bereit wäre. Die Antwort ist: Ich bin auf der Seite derer, die solche Fragen nicht stellen.“

 

Dazu Gian: Ich meine nicht, dass die national angehauchten Sprachwissenschaftler und Ideologen recht haben mit der These, Mehrsprachigkeit führe zu einer gespaltenen Persönlichkeit. Meiner Meinung nach sind eher die Einsprachigen krank. 

 

Anmerkungen zur Mehrsprachigkeit der Romanen

 

Wenn wir die Sprache als einen Kuchen betrachten, so fallen beim Romanischen einige Kuchenteile vorab auf die deutsche Sprache, einige auf die romanische und minim fällt auch etwas ab für das Französische, Italienische und andere Sprachen. Den Kampf um den ganzen Kuchen kann keine Sprache gewinnen. Ein Ausweg besteht darin, die romanische Sprache als Herzenssprache und die andern als Arbeitssprachen zu definieren. Dagegen wandte sich die Lia Rumantscha in den 1980er-Jahren. Doch welche Bereiche des Alltags sollten zur Spracherhaltung wichtig und deshalb zu fördern sein?  Hier öffnet sich ein weites Feld. Das Beispiel mit der romanischen Steuererklärung schlug nicht ein, bei der ehemaligen PTT und dem Bund hatte man mehr Erfolg mit der Beschriftung öffentlicher Gebäude in romanischer Sprache. Die Rhätische Bahn liess in den Zügen erst dann Durchsagen in romanischer Sprache einrichten, als das touristische Interesse deutlich wurde. 

Es öffnet sich hier ein weites Feld, das von Pessimisten mit der Salamitaktik verglichen, von Optimisten als erstrebenswert und wichtig für den Spracherhalt angesehen wird. So hat lange Zeit bei den Romanen eine gemütliche sprachnationalistische These geherrscht, wonach man einzig in einer, der Muttersprache, geistig beheimatet sein könne. Vom Kampfruf Peider Lansels „Ne Tudais-chs, ne Talians, Rumantschs vulain restar“ bis hin zur Karikatur eines Jacques Guidon, in der der germanische Wurm den gesunden romanischen Apfel befällt, führte ein kurzer Weg. Es kann heute aber doch festgestellt werden, dass, anstatt einer vollständigen romanischen Identität nachzutrauern, sich bei den Romanen ein gesunder, realitätsnaher Menschenverstand durchgesetzt hat. Sie sind gewissermassen deutschsprachig PLUS. Das Romanische ist zur persönlichen, privaten und geheimen Sprache geworden. Bernard Cathomas [9] hatte recht, als er feststellte, ein überzeugter Rätoromane könne nur derjenige sein, der gut Deutsch kann, denn erst dann fallen seine Minderwertigkeitsgefühle weg. Der Grat zwischen dem Verlust der Sprache und dem Anspruch auf eine Berücksichtigung der Sprache in allen Bereichen des Alltags, wie sie die Kulturräume der deutschen, italienischen oder französischen Sprache haben, ist für die Romanen voller Fallen. Die Zeiten, da eine Doktorarbeit zu einem Thema der Physik in romanischer Sprache abgefasst wurde, sind vorbei. 

Neben den Anstrengungen zur Verbreitung des Romanischen im Alltag waren die letzten 40 Jahre geprägt von einer intellektuellen Vision, die Sprache zu einer Kultursprache zu machen, die das Regionale überwinden und sich zu einer grösseren Einheit finden möge. Daraus ergaben sich Leitziele: 

  • Eine Schriftsprache für alle, weg mit den Idiomen und zwar subito: Die Folge war eine Polarisierung unter den Romanen.
  • Eine Tageszeitung für alle, weg mit den Regionalzeitungen. Diese bot sich als zweite Tageszeitung und man ging davon aus, dass die Romanen als übereifrige Zeitungslesende ohne Weiteres zwei Tageszeitungen abonnieren würden. Man überschätzte auch die Bindung der Leserschaft an die eigene Zeitung. Da die Tageszeitung jedoch die frühere regionale Zeitung ersetzte, musste die Oberländer Leserschaft sich wohl oder übel an die neue Zeitung gewöhnen.
  • Radio und Fernsehen bemühten sich, aus dem Mief der kulturellen und banalen Ofenbank des Gieri und Giachen in die Welt hinaus zu kommen. Politische Kommentare unbedarfter, aber bemühter Journalisten und Journalistinnen zur Weltlage waren die Folge, Direktreportagen aus Brasilien und Pyeongchang mussten beweisen, dass das romanische Radio das ganze Spektrum des Alltags abdecken konnte.
  • Ähnliche Bestrebungen zeigten sich im Bemühen, die romanische Literatur aus dem Winkel des Regionalen zur „Weltliteratur“ zu erheben. 

 Ich denke, die Romanen müssen die Trauben, die sie essen wollen, weniger hoch hängen, sich zur Bescheidenheit einer Kleinsprache bekennen. Sie gehören einer der gefährdetsten kleinen Sprachgemeinschaften an. Deren vornehmste Aufgabe ist die realistische Definition des Möglichen und die Stärkung der Mehrsprachigkeit.

 

 Anregungen meinerseits: 

  • Änderungen im Bereich der Schriftsprache sind mit Vorsicht und basisgebunden vorzunehmen. Die Identifikation der Menschen mit ihrem gewohnten Schriftbild ist gross. Bei den für die deutsche Sprache eher geringfügigen letzten Änderungen hat sich bspw. Schleswig-Holstein dagegen ausgesprochen, andere halten sich weiterhin an den alten Duden. Für eine Kleinsprache können sich radikale - von oben verordnete - Versuche wie beim Rumantsch Grischun verheerend auswirken. 
  • In der Schule weniger die Sprache lehren, als die Freude an der Sprache wecken. Dies geschieht kaum mit den traditionellen Lehrmethoden und dem Gewicht, das der Sprache in der schriftlichen Form zukommt. Kinder sollen zuhören und reden wollen und mögen!
  • Radio und Fernsehen (bald auch weitere digitale Medien) leisten den möglicherweise bedeutendsten Beitrag zur Spracherhaltung. Sie fördern die mündliche Sprachkompetenz und stärken das Verständnis der Romanen untereinander. Wichtig scheint mir, dass auch hier stärker auf die regionale und sprachlich/ kulturell/politische Berichterstattung gesetzt wird. Hervorragende Arbeit leistet das Radio bei der Jugend. Wohl nirgends sind auf einem derart kleinen Gebiet so viele junge Musikerinnen und -musiker aktiv, die, nicht zuletzt auch dank dem Radio, bekannt werden. Deren Identifikation mit dem Romanischen ist nicht zu unterschätzen.

Dazu zitiert Gian den Spruch (er sei von Busch, doch wikipedia dementiert, er ist viel älter): „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.“ Eine Frage bleibt dabei unbeantwortet: Wohin kommt man dann?

 

Der fünfte Drachenkopf hat mit den Folgen der offiziellen Amtssprache zu tun und wie sich dies auf den amtlichen Verkehr der Behörden mit den Bürgerinnen und Bürgern und vor allem auf das Bildungswesen auswirkt.

 

Die Sprachenfreiheit wird in der Praxis auf den privaten Gebrauch eingeschränkt. Der Bürger hat kein Recht, im amtlichen Verkehr seine Erstsprache einzufordern, wenn diese keine Kantonssprache ist. Dies gilt selbst für den Fall, dass diese eine Landessprache ist. Das erscheint logisch und für den speditiven Ablauf der Geschäfte wohl auch richtig. Wir können von den Menschen Kenntnisse in den Sprachen erwarten, die als Amtssprachen gelten. Es ist nicht Aufgabe der öffentlichen Hand, andere als die in den jeweiligen Kantonsverfassungen festgeschriebenen Sprachen zu berücksichtigen. Der Bund kommt seiner Aufgabe in verständlicherweise moderater Form nach. Die Post bemüht sich um romanische Beschriftungen, die Rhätische Bahn weniger. Abstimmungs- und Wahlunterlagen liegen in romanischer Sprache vor, Beschriftungen der Bundesstellen haben hie und da vier- bis fünfsprachige Beschriftungen, Bundesstellen im romanischen Gebiet sind mehrsprachig angeschrieben. 

Dies gilt auch für den Anspruch auf Berücksichtigung der romanischen Sprache in Politik, Verwaltung und im Rechtswesen. Allerdings ist zu bemerken, dass sich die Romanen, dank der Zweisprachigkeit, eine konsequente Verwendung ihrer Sprache gegenüber Verwaltung, Politik und Gerichtswesen oft gar nicht wünschen. Deshalb wird ein Fehlen nur in Einzelfällen beanstandet. Ich deute dies nicht als Nachlässigkeit. Es ist eher eine Frage der sprachlichen Ökonomie und des Vertrauens in die Rechtsprechung. 

Etwas verzwickter zeigt sich die Lage der Romanischsprachigen gegenüber dem Bund und dem Kanton. Im amtlichen Verkehr wünschen viele, vorab Gemeinden und Regionen, in deutscher Sprache bedient zu werden, und antworten auch lieber in deutscher Schriftsprache. Generell kann man sagen, dass, je komplizierter die Verwaltungs- und Wirtschaftsbereiche werden, desto mehr verdrängt das Deutsche das Romanische aus dem Alltag, in mündlicher wie in schriftlicher Form. 

 

Gian dazu mit einem Seufzer der Erleichterung: Auch in diesem Bereich können wir einigermassen zufrieden sein, denn oft können die ewigen Nörgeleien und Postulate eifriger Sprachler und Politiker durchaus Zeichen einer mittleren Unzufriedenheit sein, und von dieser lebt die Demokratie.  

  

Gibt es noch mehr Drachenköpfe?

Die zentrale Begründung für die Exklusivität von Bildung ist die Stärkung der Persönlichkeit, eine reife und mündige Person fusse auf der sicheren Grundlage der einen Sprache. Mit dieser – der Staatssprache – fülle ich mich und die Welt mit Sinn, weshalb die Pflege der staatlich verordneten Sprache einer besonderen Anstrengung bedarf. Die Folge: der gesamte Unterricht erfolgt in dieser einen Sprache. Früher mochte man den Begriff der „Muttersprache“ verwenden, ein Begriff, der angesichts der Zusammensetzung der Bevölkerung längst nicht mehr stimmt. Man spürt in dieser Argumentation jedoch die Reste einer eher immobilen und national eingeengten Bildungspolitik. Dabei ist man sich des inneren Widerspruchs dieser Annahme nicht einmal bewusst. Denn müsste diese These – die Kinder durch einen intensiven „muttersprachlichen“ Unterricht zu mündigen Erwachsenen zu führen – nicht auch für die Kinder gelten, die eine andere „Muttersprache“ kennen? Wie soll eine Integration gelingen, wenn das Bildungswesen der Bindung der Kinder an die Herkunftssprache und -kultur keinerlei Bedeutung beimisst? Wenn es bei den einen auf eine reife Persönlichkeit setzt, und bei den andern auf totale Assimilation?

 

Die Schlussfolgerung:

Was für die einen gilt, soll für die anderen nicht gelten: Beheimatung in der Welt der Erst- und gleichzeitigen Amtssprache, Assimilation der Anderssprachigen? Die romanische Sprache im Ghetto eines Territoriums zu schützen, das entweder vom Aussterben bedroht (Überalterung und Emigration) oder das in andern Gebieten vom Tourismus (Anderssprachige machen die Romanen zur Minderheit) überrollt wird, grenzt an Zynismus. Die Romanen mussten ihr Glück einst als Zuckerbäcker oder Offiziere in der Fremde suchen, der Wunsch der Ferne ist ihnen geblieben. Viele verlassen freiwillig oder  gezwungenermassen ihre Heimat. Wir alle sind Teil einer mobilen Gesellschaft. Und so sind Chur, Zürich, Bern und andere Städte die grössten romanischen Gemeinden. Stellt man sich vor – und Roberto Bernhard [10] hat es im letzten Jahrhundert vorgeschlagen: Romanischsprachige Eltern haben den Anspruch auf eine Nische im öffentlichen Schulsystem des Kantons Zürich, in der ihre Kinder eine Vertiefung und damit eine Beheimatung in deren Sprache und Kultur erhalten? Und Hand aufs Herz: Wenn in der Seele die Sprache schlummert, weshalb sollte ein solches Angebot nicht auch das Normalste für Tessiner Kinder in Zürich sein (dann müssten die Eltern ihre Kinder nicht mehr in Sprachkurse schicken, die das italienische Konsulat organisiert).

Dass es im traditionell romanischen Territorium auch anders geht, hat sicher einmal mit der Zwangslage zu tun, beweist jedoch auch eine andere als die nationalistisch gefärbte Attitude zur Sprache. In den sieben Gemeinden des oberen Oberengadins sind im Umkreis von 15 Kilometern zweisprachige Kindergärten und Volksschulen neben romanischen und einer deutschen Primarschule zu finden, daneben auch eine italienisch-/deutschsprachige. Hand aufs Herz: Was bei der kleinsten, in ihrer Existenz bedrohten Sprachgemeinschaft möglich ist, sollte bei den drei anderen – in ihrer Existenz nicht gefährdeten – unmöglich sein? Die Romanen lächeln über den chauvinistischen Anstrich der Romands, die das Französische durch eine zweisprachige Schule, z.B. in Freiburg, gefährdet sehen. Grundsätzlich mehr oder weniger positiv zu beurteilen sind die Sprachbestimmungen in den Bündner Gymnasien und Berufsschulen, exemplarisch gehen dabei Chur mit den zweisprachigen Volksschultypen Romanisch/Deutsch und Italienisch/Deutsch und die Kantonsschule mit dem dreisprachigen Gymnasium vor. 

 

Folgende Schlussfolgerungen ergeben sich aus dem Gesagten:

  1. Unterricht in einer zweiten Sprache ab der 1. Klasse (in Dänemark und einigen Bundesländern Deutschlands schon die Regel [11]).
  2. Ab der dritten Klasse wird mindestens ein Fach in einer Zweitsprache geführt. 
  3. Förderung von zweisprachigen Schulmodellen.
  4. Abbau der Stundenlektionen in der Amtssprache. 
  5. Für die Rätoromanen und Italienischsprachigen wird in allen Bündner Schulgemeinden das Anrecht auf eine Sprachnische zur Pflege der eigenen Sprache und Kultur in der Schule geschaffen. (Rahmenbedingungen sind dabei eine minimale Zahl von interessierten Eltern, Räumlichkeiten, Lehrpersonen).
  6. Dasselbe Recht kommt den Kindern anderer als der Landessprachen zu, also etwa Kindern portugiesischer und anderssprachiger Eltern (ähnliche Rahmenbedingungen).

Gian ist aufgestellt: Oje, da gibt es viel zu tun! Los geht‘s!

 

Der fünfte Kopf bemüht sich eifrig, die Sprachgemeinschaften untereinander streiten zu lassen und Fragen wie deren Struktur und Organisationsformwenig Bedeutung beizumessen.  

Die Romanen und Italienischsprachigen verfügen in Graubünden über Organisationsformen und Strukturen, die aus dem frühen 20. Jahrhundert stammen. Diese gewähren ihnen keine rechtlichen und kaum autonome sprach- und kulturpolitische Entscheidungen. In wichtigen Fragen bestimmen das Volk und das Parlament, das mehrheitlich aus Deutschsprachigen besteht. So hat das Bündner Parlament (allerdings mit dem prinzipiellen Einverständnis des Vorstandes der Lia Rumantscha) die Entscheidung, Lehrmaterial einzig in Rumantsch Grischun herauszugeben, getroffen. Ähnlich könnte aber auch das Bündner Volk eine Initiative befürworten, die eine eindeutige Diskriminierung der beiden kleineren Gemeinschaften in der Schule zur Folge hätte. 

Beide Sprachgemeinschaften müssten dringend nach Strukturen suchen, die ihnen Rechte und Ansprüche garantieren, welche zu ihrer Existenz notwendig sind, und die sie allein treffen müssen. Dazu genügen die privatrechtlichen Grundlagen nicht mehr, sie werden weder dem Anspruch auf Repräsentativität noch demjenigen nach demokratischen Regeln gerecht [12]. Die Strukturen sind den veränderten Bedingungen anzupassen. Erst auf der Grundlage einer kulturellen Autonomie können Ansprüche abgeleitet werden, wie beispielsweise ein Vetorecht gegenüber Entscheidungen der Mehrheitsbevölkerung. Ein solches Instrument könnte gerade auch gegen Entscheidungen im Zusammenhang mit Fusionen zum Tragen kommen.   

 

Zum Abschluss:

Der Mythos verwandelt ein Ereignis – sei es, dass es sich auf historische Erinnerung, Legenden oder Sagen bezieht, sei es, dass es sich aus einer zeitbedingten Situation entwickelt – in Natur, das Zeitliche wird zum Ewigen. Einem Mythos ist die Einbettung in die Zeit, die Prozesshaftigkeit abhandengekommen, es wird zur ewigen geschichtslosen Wahrheit. [13]

Die Zeitgebundenheit der Begriffe wurde im Essay an einigen Beispielen, die mit der Nationalstaatsideologie zusammenhängen, nachgezeichnet. Dasselbe kann den Mythen passieren. Als Theologe möchte ich dies abschliessend an der Legende des Turmbaus zu Babel erläutern. Der Mythos ist bekannt, Breughel hat den Turmbau gemalt, unzählige haben das Thema aufgegriffen. 

Am Anfang steht die Frage nach der Vielfalt der Sprachen. Das Thema wird in Palästina von den Nomaden vor mehr als 2000 Jahren am Lagerfeuer diskutiert und es kommt zur Geschichte des Turmes. Einerseits haben die Israeliten vom Zerfall des mächtigen babylonischen Reiches gehört, sie hatten aber auch die leuchtenden Augen der Kaufleute und Krieger gesehen, wenn diese vom Reichtum der Babylonier berichteten und mit den Armen gegen den Himmel zeigten, so hoch seien die Türme gewesen, die sie gebaut hätten. Mit dem höchsten, dem Zikkurat, wollten sie ihren Göttern die höchstmögliche Ehrerbietung erweisen. Ja, und nun berichteten andere, das mächtige Reich sei zerstört worden. Und die Israeliten nahmen den roten Faden auf, natürlich habe da Jahwe gewirkt. Lange genug habe Jahwe zugeschaut, wie die Babylonier ihr Land erobert, sie deportiert und in fremden Ländern als Sklaven behandelt hätten. Jetzt seien sie wieder frei. Daraus entwickelt sich eine Geschichte. Jahwe beschliesst: „Steigen wir herab und vermengen wir dort ihre Rede, dass nicht versteht einer die Rede des andern. Da hörten sie auf, die Stadt zu bauen.“ Der Bau wird gestoppt, der Horror hat ein Ende. Jahwe, ihr Gott, hat über den Feind gesiegt. Die Strafaktion ist erfolgreich verlaufen, die Vielfalt der Sprachen ist die Strafe, die Jahwe über die Menschheit bringt. 

Schauen wir die Geschichte mit heutigen Augen an: Könnte der Kern ihrer Aussage statt als Strafe als Segen gedeutet werden? Die Sprachenvielfalt als Folge des Turmbaus schiebt der Hybris der Menschen einen Riegel vor, kein Volk wird es jemals wieder mit Jahwe aufnehmen können. So gelesen wäre das Einschreiten Gottes als ein Akt der Liebe zu seiner Schöpfung zu deuten. Es ist gerade die Sprachenvielfalt, die das Überleben der Menschheit sichert, Mehrsprachigkeit ist die Chance! Sie verhindert monopolartige Herrschaftsansprüche der einen Sprache. Sie entlarvt deren blinde Flecken, indem sie die eine Sprachwelt mit anderen konfrontiert. Sie eröffnet andere, neue Zugänge zu sich selber und zur Welt. Die Einsprachigkeit ist kein Wesensmerkmal des Menschen mehr, das ihn schicksalhaft trennt vom Mitmenschen. Sie bildet Brücken von der einen Weltsicht zu anderen. 

Die Rätoromanen haben eine andere Sage zur Entstehung ihrer Sprache erzählt: Da hat Gott aus seinem Sack die Sprachen über alle Völker verteilt; am Schluss entdeckt er, dass es da irgendwo in den Bergen Menschen gibt, die er noch nicht berücksichtigt hat. In seinem Sack findet er noch Fetzen verschiedener Sprachen, er streut die Reste über die Berge und schenkt damit den Rätoromanen eine Sprache, die sie bald als „Schlüssel“ zu anderen Sprachen hochhalten und schätzen werden. Da sind die Ansätze für einen herrschaftsfreien und ungezwungenen Umgang mit den Sprachen offensichtlich. Es sind typischerweise die kleinen Sprachgemeinschaften, die zur Sprache ein noch weitgehend „herrschaftsfreies“ Verhältnis haben, die Sprachgemeinschaften, die sich nicht hinter Kanonen verbarrikadieren können. 

 

Zwei Beispiele:

  • In den letzten Jahrzehnten ist in Europa das Pronomen ‚ich‘ explodiert, ein Zeichen der Egomanie unserer Zeit. Im Koreanischen ist das ‚ich‘ eingebettet in eine die Welt umspannende Energie. So sagt der Koreaner nicht ‚ich liebe dich‘, sondern ‚die Energie der Liebe hat mich ergriffen‘.
  • Ein Afrikaner, der einige Studienjahre in der Schweiz verbracht hatte, meinte, die deutsche Sprache sei eine arme Sprache, sie gebrauche nicht einmal die Zeiten richtig. So werde die Zukunft meistens in der Präsensform gebraucht, morgen gehe ich in die Ferien. 
  • Beide Beispiele sagen einiges aus über die Einstellung des Menschen zu seinen Gefühlen und zu seiner Zeit. Oder was wohl uns Rätoromanen auffällt: Die deutsche Sprache gewinnt einen hohen Abstraktionsgrad, zum Teil bedingt durch das Aneinanderreihen von Substantiven, während die romanischen Sprachen den Satz um das Verb gruppieren und damit zwangsweise konkreter werden müssen.

 

Sprachenvielfalt ist ein Turnen auf verschiedenen Geräten, jedes hat seine eigene Weltsicht, ist einzigartig und unverwechselbar. Daher ist das Sterben einer Sprache vergleichbar mit einer Bombe, die über New York abgeworfen wird.[14]

Dem Verschwinden der Sprachenvielfalt entspricht das Verschwinden der Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Dabei warnen Wissenschaftler schon lange vor Monokulturen als Bedrohung der Vielfalt. Während internationale Kongresse zur Erhaltung der Schildkröten abgehalten werden, hört man nichts über ähnliche Bestrebungen zur Erhaltung der Sprachenvielfalt. Dabei stirbt alle zwei Wochen eine Sprache und man rechnet, dass im Laufe der nächsten 100 Jahre neun von zehn Sprachen verschwinden werden. Heute spricht 80% der Weltbevölkerung 12 der weltweit geschätzten 6000 Sprachen. 

 

Gians Traum dazu: Mehrsprachigkeit zeigt die blinden Flecken der eigenen Sprache auf und erweitert den eigenen geistigen Horizont.

 

Anmerkungen 

[1] Cf. Charles Taylor (1993), Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung, Frankfurt am Main. 

[2] Will Kymlicka (1999), Demokratie und Multikulturalismus. Über Minderheiten in Staaten und Nationen, Hamburg.

[3] Cf. Daniel Thürer (2005), Recht und Sprache. Von Bivio nach Babylon.

[4] Rhinow/Schefer (1999), Schweizerisches Verfassungsrecht, 299.

[5] Norbert Furrer (2002), Die vierzigsprachige Schweiz, Zürich.

[6] Der Begriff des Verfassungspatriotismus versteht sich als gegensätzliches Modell zum ethnischen Staatsverständnis und wurde von Dolf Sternberger 1990 erstmals ins Gespräch gebracht. Habermas wurde zu einem der wichtigsten Vertreter dieses Staatsverständnisses. 

[7] Claus Gatterer (1981), Über die Schwierigkeiten heute Südtiroler zu sein, Bozen.

[8] Ibid.

[9] Bernard Cathomas (1977), Erkundungen zur Zweisprachigkeit der Rätoromanen, Bern/Frankfurt.

[10] Roberto Bernhard (2006), Kann und soll das Sprachterritorialitätsprinzip flexibler werden und wie? In: Staat im Wandel, NHG Jahrbuch, Zürich.

[11] Ist es nicht überraschend, dass gerade ein mehrsprachiger Staat derart Mühe hat mit einer – sehr späten – Einführung der Nachbar- und Weltsprachen? Könnte man dies als Weiterführung einer vergangenheitsorientierten, nationalstaatlich verbrämten Ideologie auffassen, die auf Grenzen, die die Freundschaft bekräftigen, setzt und nicht der Begegnung über die Zäune hinweg traut?  

[12] Selbst die Bundessubventionen zur Erhaltung des Rätoromanischen werden an einen Leistungsvertrag gebunden, den die Bündner Regierung mit der Lia Rumantscha und der Pro Grigioni Italiano abschliesst. Damit ist eine weitere früher autonome Entscheidung der Sprach- und Kulturvereine beschnitten worden. 

[13] Roland Barthes (2012), Mythen des Alltags, Berlin.

[14] Cf. Florian Leu (2012), Goodbye Babylon, Reportagen.

 

Literaturverzeichnis

Anderson Benedict (1988): Die Erfindung der NationZur Karriere eines folgenreichen KonzeptsBerlin: Ullstein.  

Arquint Romedi (2014): Plädoyer für eine gelebte Mehrsprachigkeit, Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung.

Barthes Roland (2012): «Der Mythos heute»,in: Barthes Roland: Mythen des Alltags, Berlin: Suhrkamp. 

Bundi Gian (1901): Parevlas engiadinaisas. Quintedas da Gian BundiIllustredas da Giovanni Giacometti. Ediziun e stampa: Institut Polygraphic A.G. a Turig.

Cathomas Bernard (1977), Erkundungen zur Zweisprachigkeit der Rätoromanen, Bern/Frankfurt: Lang.

Eidgenössisches Departement des Innern (1989): Zustand und Zukunft der viersprachigen Schweiz - Abklärungen, Vorschläge und Empfehlungen einer Arbeitsgruppe,Bern: Eidgenössisches Departement des Innern.

Willi Wolf/Sabine Sandrieser/ Karin Vukman-Artner/Theodor Domej (Hsg.)(2013), Natürlich zweisprachig, Graz: Leykam Buchverlag.

Furrer Norbert (2002), Die vierzigsprachige Schweiz, Zürich: Chronos. 

Gatterer Claus (1981): Über die Schwierigkeiten, heute ein Südtiroler zu sein,Rede anlässlich der Verleihung des Südtiroler Pressepreises, gehalten am 31.1.1981. Bozen: Kontaktkomitee fürs andere Tirol.

Kymlicka Will (1999), Demokratie und Multikulturalismus. Über Minderheiten in Staaten und Nationen, Hamburg: Rotbuch Verlag.

Thürer Daniel/Arquint Romedi (Hrsg.) (2014): Repräsentativität und kulturelle Autonomie, Aktuelle Probleme der autochthonen Völker und der nationalen Minderheiten, Zürich: Schulthess.

Thürer Daniel (2009): Managing diversity, Zürich: Schulthess.

Daniel Thürer (2005): Kosmopolitisches Staatsrecht, Grundidee Gerechtigkeit, Band 1, Zürich: Schulthess.

Taylor Charles (1993): Reconciling the Solitudes: Essays on Canadian Federalism and Nationalism. Montreal/Kingston: McGill-Queen's University Press.

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