Roman Caviezel

Romanisch aus der Perspektive des eidgenössischen Parlamentariers. Interview mit Nationalrat Martin Candinas

Herr Candinas, was bedeutet Romanisch für Sie?

 

Romanisch ist meine Muttersprache und hat mich schon immer fasziniert. Zuhause in Rabius haben wir ausschliesslich Romanisch gesprochen und Deutsch habe ich erst in der Schule von der vierten Klasse an wirklich gelernt. Deshalb ist Romanisch ein Grundpfeiler meiner Identität. Für mich war immer klar, dass ich mit meinen Kindern einmal Romanisch sprechen würde. Heute besuchen die Knaben die zweisprachige Schule und meine Tochter beginnt im Sommer mit dem zweisprachigen romanisch-deutschen Kindergarten in Chur.

 

Welche Rolle spielen die Sprachen in Ihrem beruflichen Alltag?

 

Mein Alltag ist zum grössten Teil deutsch. Bei der Versicherung Helsana, beim Informationsdienst für den Öffentlichen Verkehr und beim Verband Schweizerischer Helikopterunternehmen spreche ich ausnahmslos Deutsch. Für mich als Politiker ist Romanisch jedoch sehr wichtig. Ich erhalte häufig Telefonanrufe, Mails und Briefe aus der Rumantschia. Auch die romanischen Medien kontaktieren mich immer wieder. So begleitet mich die romanische Sprache auch in meinem beruflichen Alltag auf Schritt und Tritt.

 

Wie werden Sie in Bern als romanischer Parlamentarier wahrgenommen?

 

Als romanischsprachiger Parlamentarier hat man in Bern mit Sicherheit keine Nachteile. Gewöhnlich werden wir wegen unserer Mehrsprachigkeit und unserem Romanisch bewundert, und man schätzt uns aufgrund unseres feinen Gefühls für Minderheiten und die Landessprachen. Ich habe meine romanische Herkunft nie verborgen, im Gegenteil. Wo es ging, habe ich sie aktiv und demonstrativ auch im politischen Alltag eingesetzt. Ich habe zahlreiche Vorstösse zur Erhöhung der Präsenz des Romanischen im Parlament und in Bern eingereicht. Und das wurde auch zur Kenntnis genommen. So hat es mich zum Beispiel sehr gefreut, dass ich - vor den Bundesratswahlen im Dezember 2018 - mit Viola Amherd und Karin Keller-Sutter die zwei Sätzchen einüben durfte, welche sie in ihrer Dankesrede für das erhaltene Vertrauen bei der Bundesratswahl auf romanisch gesagt haben.

 

Welche Stellung hat das Romanische im Parlament? Wird es überhaupt wahrgenommen? Wie wichtig ist seine Präsenz auf eidgenössischer Ebene für die Rumantschia?

 

Für die Rumantschia ist die Präsenz des Romanischen auf eidgenössischer Ebene in psychologischer Hinsicht sehr bedeutsam. In meinem ersten Jahr in Bern habe ich mich dafür eingesetzt, dass die Internetseite des Parlaments (www.parlament.ch) auch auf Romanisch übersetzt wird. Dieser Wunsch wurde dann kurze Zeit später erfüllt. Im zweiten Jahr als Nationalrar habe ich die parlamentarische Gruppe “Romanische Sprache und Kultur” gegründet. Diese Gruppe zählt heute mehr als 70 Parlamentarier. Das ist ein klarer Beweis für die grosse Zuneigung der Bundesparlamentarier für unsere Sprache und Kultur. Es gibt heute nur wenige parlamentarische Gruppen mit mehr Mitgliedern. Das ist ein schöner Erfolg. Kürzlich habe ich beanstandet, dass es die Reklametafeln für die Besucher des Bundeshauses nur in den vier Sprachen: deutsch, italienisch, französisch und englisch gibt. Romanisch fehlt, aber das soll in den nächsten Wochen geändert werden.

 

Wer spricht/versteht Romanisch im Bundeshaus?

 

Romanisch sprechen Ständerat Stefan Engler, Nationalrat Jon Pult und ich. Sandra Locher-Benguerel ist dabei Romanisch zu lernen und macht schöne Fortschritte. Andere verstehen höchstens einzelne Wörter. Romanisch ist jedoch auch in den parlamentarischen Diensten präsent. So spricht die Stellvertreterin des Nationalratssekretärs, Annina Jegher, auch Romanisch. Sie ist praktisch immer im Saal und so kann man mit ihr immer mal wieder ein Schwätzchen auf Romanisch machen. 

 

Vorstösse und Stellungnahmen auf Romanisch in den Ratssälen: Gibt es das? Haben Sie schon einen Vorstoss auf Romanisch eingereicht oder eine Stellungnahme vorgetragen? Wie waren die Erfahrungen?

 

Ich habe zweimal in der Fragestunde eine Frage auf Romanisch gestellt. Es ging um den Sprachgebrauch bei der Aids- und Nikotinprävention. Beide Aktionen wurden in bis zu zehn Sprachen lanciert, jedoch ohne Romanisch. Derartige Nachlässigkeiten unserer Sprache gegenüber – es ist immerhin eine Landessprache -  ärgern mich immer von neuem. Wir Romanen brauchen nicht alles in unserer Sprache, aber sobald etwas in einer oder mehreren anderen Sprachen als unsere Landessprachen veröffentlicht wird, sollte es selbstverständlich sein, dass auch wir eine Übersetzung zugut haben. Bei jeder Wortmeldung mache ich die Begrüssung auf Romanisch. Das ist nicht viel, wird aber immer zur Kenntnis genommen. Nachher fahre ich dann immer auf Deutsch weiter. Schliesslich spreche ich ja zu den Parlamentariern und nicht für die Galerie. Einmal habe ich ausschliesslich Romanisch gesprochen, als Sprecher der Aufsichtsdelegation der NEAT. Es ging um den Jahresbericht. Anlässlich des Rücktritts von Renzo Simoni aus Ilanz, der viele Jahre Chef der AlpTransit Gotthard AG gewesen war, habe ich, im Zusammenhang mit dem Jahresbericht der Aufsichtsdelegation der NEAT, seine Arbeit auf Romanisch gewürdigt.

 

Was halten Sie von Simultanübersetzungen in Bern auf Romanisch?

 

Ich bin wirklich ein glühender Vertreter der romanischen Sprache, aber alles hat seine Grenzen. Wenn man den gesunden Menschenverstand walten lässt, ist es offensichtlich, dass es im Nationalrat für Romanisch keine Simultanübersetzungen braucht, wie das für die übrigen drei Landessprachen der Fall ist. Heute haben wir eine sehr pragmatische Lösung. Wer eine Rede auf Romanisch halten will, reicht seinen Text vorgängig beim Parlamentsdienst ein. Dort wird er übersetzt und es gibt dann eine Simultanübersetzung. Für spontane Wortmeldungen ist das jedoch nicht möglich. Allein für zwei romanischsprachige, von 200 Nationalräten, ergäbe ein erweiterter Übersetzungsdienst überhaupt keinen Sinn. Im Ständerat gibt es im Übrigen überhaupt keine Übersetzungen, sodass sich die Frage schon gar nicht stellt.

 

Müsste in Ihren Augen ein Bundesparlamentarier grundsätzlich ein wenig Romanisch können?

 

Natürlich wäre es schön, wenn alle ein bisschen Romanisch verstehen würden. So etwas darf man aber nie und nimmer verlangen. Ich mache mir hingegen grosse Sorgen um unser nationales Zusammenleben mit unseren vier Sprachen. Englisch wird immer stärker und sogar im Bundeshaus sprechen bereits die ersten Parlamentarier miteinander Englisch um sich gegenseitig zu verständigen. Ich bekomme Hühnerhaut, wenn ich derartiges höre, und ärgere mich richtiggehend darüber. Wo sind wir denn? In der Schweiz haben wir vier Landessprachen und der Stolz auf unsere Heimat sollte mindestens so gross sein, dass wir miteinander nicht Englisch reden dürfen. In diesem Sinn bin ich stolz darauf zu sagen, dass ich alle vier Landessprachen besser spreche als Englisch. Das ist doch wahrer Patriotismus!

 

Dank Ihrem Postulat „spricht die Website der Bundesversammlung jetzt auch Rätoromanisch“. Müsste auf Bundesebene noch mehr für das Romanische unternommen werden? Wenn ja, was wäre prioritär?

 

Das Engagement für das Romanische ist nie zu Ende. Wir müssen uns in Bern tagtäglich für die romanische Sprache einsetzen. Als die Corona Pandemie begann, waren die ersten Plakate auf deutsch, französisch, italienisch und englisch bereitgestellt worden. Romanisch wurde einmal mehr vergessen. Bevor ich meine Frage in der Fragestunde des Nationalrats eingereicht habe, ob die Romanen vom Virus nicht gefährdet seien, habe ich diese dem Bundesamt für Gesundheit geschickt. Umgehend kam die Nachricht, diese Frage sei nicht mehr nötig, denn die Übersetzung sei schon unterwegs. Ohne diesen Druck wäre wieder einmal nichts geschehen. Diesen Kampf für Romanisch müssen die Romanen selbst führen. Es ist auch unsere Aufgabe, aufmerksam zu sein und uns für unser Muttersprache einzusetzen.

 

Gibt es (regelmässige) Kontakte zu anderen Minderheitensprachen der Schweiz? Gemeinsame Projekte?

 

Ich bin Vizepräsident der parlamentarischen Gruppe “Mehrsprachigkeit“. Im September vor einem Jahr hat man im Parlament und in der Verwaltung zum ersten Mal einen Tag der Mehrsprachigkeit durchgeführt. Die Idee war, dass so viele Räte wie möglich an diesem Tag eine andere Landessprache, also eine Fremdsprache, sprechen sollten. In diesem Zusammenhang habe ich auch festgestellt, dass unsere Sprachorganisationen zum Teil sehr theoretisch ausgerichtet sind. Man organisiert grosse Aktionen und vergisst dabei die einfachsten Sachen. Die Hauptsache für einen Parlamentarier an einem Tag wie diesem ist simpel: Wer besorgt für mich die Übersetzung? Solange diese Frage nicht geklärt ist, funktioniert es gewöhnlich nur halbwegs.

Dieses Jahr soll es jedoch besser werden. Ausserdem haben wir unter den Vertretern der verschiedenen Parlamentariergruppen auch Diskussionen zu Themen der Minderheitensprachen. Wir sind immer bemüht, einander gegenseitig zu unterstützen, beispielsweise im Zusammenhang mit der Kulturbotschaft 2020-2024. Diese ist nämlich für alle Minderheitensprachen von grosser Bedeutung.

 

Wie schätzen Sie als Bundesparlamentarier die Förderung des Romanischen im Kanton Graubünden ein? Gibt es in Ihren Augen Verbesserungspotential? Bräuchte es mehr Kontrolle über die ausgegebenen Bundesgelder?

 

Hinsichtlich der Finanzprobleme der Quotidiana und im Zusammenhang mit dem Wechsel von der ANR zur FMR habe ich vonseiten des Bundes deutlich mehr Interesse und Engagement gespürt, als vom Kanton. Mit der Direktorin des Eidgenössischen Amtes für Kultur, Isabelle Chassot, haben wir eine Person am Ruder mit einem sehr feinen Gefühl für die Interessen der Minderheitensprachen. In dieser Sache hatte ich mit ihr damals einen engen Kontakt. Meine Interpellation mit direkten Fragen bez. Möglichkeiten des Bundes zur Rettung der romanischen Tageszeitung gab der Eidgenossenschaft die Gelegenheit, guten Willen zu zeigen, unter der Bedingung, dass auch der Kanton aktiv wird. De facto hat der Bund dann den Kanton unter Druck gesetzt. Sonst hätten wir wohl heute keine Tageszeitung mehr. Der Bund hat für meine Begriffe eine harte aber gute Art dafür zu sorgen, dass seine finanziellen Mittel für das Romanische gut eingesetzt werden.

 

Wären Simultanübersetzungen im Grossen Rat (Anfrage Rettich vom 12.02.2019) in Ihren Augen sinnvoll, auch bez. Stärkung der romanischen Sprache?

 

Ich habe mich ziemlich gewundert, dass diese Idee von den Grossrätinnen und Grossräten derart gut aufgenommen wurde. Persönlich habe ich wenig Verständnis dafür und kann mir nicht vorstellen, dass ich diese Bemühungen unterstützt hätte. In Graubünden müssen wir imstande sein, einander in unseren drei Sprachen gegenseitig zu verstehen, auch ohne Simultanübersetzung. Ich bin überzeugt, dass mit einer Simultanübersetzung nur jene ihr schlechtes Gewissen loswürden, die nur eine Kantonssprache beherrschen, und die Präsenz von Italienisch oder Romanisch dadurch nicht gestärkt würde. Viel wichtiger sind für mich die Anstrengungen für ein minimales Verständnis der einzelnen Kantonssprachen in der Bevölkerung. Allzu viele haben die Überzeugung verloren, dass die erste Fremdsprache in der Schule eine Kantonssprache sein muss. Für die deutschsprachigen Schulen heisst das eine der zwei Minderheitssprachen Italienisch oder Romanisch. Gerade in diesem Zusammenhang sollten die Grossrätinnen und Grossräte Botschafter sein. Aber Botschafter müssen mit dem guten Beispiel vorangehen. So gesehen bräuchten sie also auch keine Simultanübersetzung!

 

Gibt es in diesem Zusammenhang noch weitere Überlegungen, die für Sie wichtig sind?

 

Romanisch lebt nur, wenn wir stolz sind auf unsere Sprache, wenn wir sie benützen und weitergeben und mit Überzeugung und Freude ihre Botschafter sind. Wir Romanen sind nämlich einzigartig in unserem Land. Darüber dürfen wir uns freuen, aber es verpflichtet uns auch. Jeder Einzelne von uns kann mehr tun für die Förderung und die Attraktivität unserer Sprache. Wir stehen in der Pflicht: als Abonnenten unserer Tageszeitung, wenn wir romanische Bücher kaufen und romanische Kulturprojekte unterstützen, oder indem wir uns im Alltag gegenseitig aktiv helfen, damit unsere romanische Sprache und unser Bewusstsein in allen Regionen unseres Kantons und ausserhalb die verdiente Aufmerksamkeit erhält. Auch in hundert Jahren soll die Schweiz ein Land mit vier offiziellen Sprachen sein, welche mit Lust und Freude gepflegt und gebraucht werden.

 

Herr Candinas, vielen Dank für Ihre Ausführungen.

 

Chur, im April 2020